die Jahre als Londoner Kulturkorrespondent
1970 bis 2001

Jahr 1973
Autor William Shakespeare/Eugene Ionescu
Theater
Titel Anthony and Cleopatra/Macbett
Ensemble/Spielort Bankside Globe Theatre
Inszenierung/Regie Tony Richardson/Charles Marowitz
Hauptdarsteller Vanesa Redgrave
Neuinszenierung
Sendeinfo 1973.08.09/SWF Kultur aktuell

Im Januar 1972, anläßlich der Feiern zum 400-jährigen Gründungsjubiläum des ersten festen Theaters in Großbritannien, wurde in London der Bankside Globe Playhouse Trust gebildet, der das Gebiet am Südufer der Themse, in dem Shakespeares berühmtes Globe Theatre stand, zu einem neuen Kulturzentrum ausbauen lassen will. Nach dem Vorbild des historischen ‘Globe’ soll ein neues Theater errichtet werden, in dem die Stücke Shakespeares und seiner Zeitgenossen “mit den höchsten Ansprüchen für Kreativität und Professionalismus“ zur Aufführung kommen. Außerdem will man ein Shakespeare-Studienzentrum einrichten, ein Shakespeare-Museum und eine Bibliothek sowie einen Shakespeare-Geburtstagsfond, über den neue musikalische, literarische und bildnerische Arbeiten in Auftrag gegeben werden können.

Seit dem vergangenen Jahr dient ein provisorisch aufgeschlagenes Zelttheater – ein Zwischending von Zirkus und Freilichtbühne – in den Sommermonaten als originelle Spielstätte für die Aufführung elisabethanischer Werke. Das Gebäude ist umgeben von Skulpturen junger britischer Künstler. Die alten Hauswände und Kaimauern ringsum sind von Kindern mit Lackfarbenbildern bemalt worden. Ein großer Gastbetrieb nebenan liefert Shishkebab, Wein und viele andere Leckereien zu wohlfeilen Preisen. Das Globe Playhouse Projekt ist zu einer neuen Touristenattraktion in London geworden.

In diesem Jahr brachte das Globe die Stücke ‘Der Unzufriedene’ von dem Elisabethaner John Marston, ‘Shakepeares ‘Was ihr wollt’, Ionescos neuen ‘Macbett’ und soeben ‘Antonius und Cleopatra’ mit Vanessa Redgrave in der weiblichen Hauptrolle. Ionescos ‘Macbett’, ein Außenseiter des Programms, zeigte sich wegen seines parodistischen Charakters für die Aufführung im Zirkuszelt besonders geeignet. Die phantasievoll-witzige, übermütig-alberne Inszenierung von Charles Marowitz war ein voller Erfolg.

Dagegen bescherte Tony Richardson als Regisseur von ‘Antonius und Cleopatra’ soeben eine der schlimmsten, ärgerlichsten Klassikerinszenierungen seit langer, langer Zeit.

Richardson fiel nichts besseres ein, als das Stück im modernen Kostüm spielen und die Schauspieler mehr oder minder ungehemmt drauflos agieren zu lassen, mit dem hemdsärmeligen Gehabe, dem schnoddrig-oberflächlichen Ton, der bei den Jüngeren heute “in“ ist. Antonius im weißen Smoking oder in der Uniform eines amerikanischen Offiziers, der junge Cäsar in grauseidenem Mao-Anzug , seine Begleiter mit schwarzen Sonnenbrillen, der deutsche Gruß als Ehrenbezeugung, Lepidus mit Gehrock und Zylinder, der Wahrsager ein junger Mann mit Bart und verschlissenen Bluejeans, Pompeius und seine Leute in der martialischen Aufmachung mexikanischer Guerillas – das alles wirkt heute nicht mehr revolutionär, sondern abgestanden, billig und einfallslos.

Vanessa Redgrave, die Ehefrau des Regisseurs, mit wildem, feuerrotem Haar und groß geschminkten Augen, macht auf Melina Mercuri, hat aber statt südländischem Temperament und gefährlicher Leidenschaft nur das hysterische Gebaren eines verwöhnten, nicht sehr gescheiten Frauenzimmers, das Botschafter ohrfeigt und an den Haaren zerrt, Dienstbooten abküßt oder kitzelt und sich, auf dem Diwan liegend, das schöne Hinterteil durchkneten läßt, während sie mit dem kaiserlichen Gesandten spricht. Antonius nimmt dem lumpigen Wahrsager die selbstgedrehte Zigarette aus dem Mund, um sie weiterzurauchen, tritt ihm dann ins Hinterteil und tanzt mit der Kognakflasche auf dem Kopf oder zwischen den Beinen, zotige Soldatenlieder gröhlend, mit obszönen Verrenkungen über die Bühne.

Vieles von dem soll dem Stück offenbar neue komische Wirkungen abgewinnen, wird aber so unbeholfen dilettantisch vorgeführt, daß man sich peinlich berührt fühlt, während andererseits ernst gemeinte Passagen viel unfreiwillige Komik haben. In der Aufführung, die ich sah, wollte zum Beispiel der Revolver, mit dem Antonius anstelle des Schwertes auf seinen Magen zielen muß, einfach nicht losgehen: der Held aber mimte nach jedem Knacken verzweifelt den bereits tödlich Getroffenen.

Das Publikum, darunter zahlreiche Touristen, schien sich trotz allem köstlich zu amüsieren. Fazit: Berühmte Namen sind zwar keine Versicherung gegen miserables Theater. Aber sie dürfen sich offenbar ohne Schädigung ihres Ansehens leisten, was anderen verboten ist: nämlich unverzeihlich schlecht zu sein.

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