die Jahre als Londoner Kulturkorrespondent
1970 bis 2001

Jahr 1983
Text # 188
Autor Collin Martyr
Theater
Titel The Resistible Rise of Greta
Ensemble/Spielort Theatre Venture/London
Uraufführung
Sendeinfo 1983.11.18/SWF Kultur aktuell/WDR/Nachdruck: Darmstädter Echo

‘Der aufhaltsame Aufstieg der Greta Vila’ ist, wie schon der Titel verrät, eine politische Parabel nach dem Vorbild von Brechts ‘Arturo Ui’. Hier wie dort werden die großen Figuren der Politik auf das Format von Gangsterbossen reduziert, die den Gemüsehandel einer fiktiven amerikanischen Großstadt kontrollieren und in erbarmungslosen Kämpfen um die höchste Macht buchstäblich über Leichen gehen.

Margret Thatcher als negative Heldin eines Theaterstückes – bei einer Persönlichkeit mit so horrenden Zügen ein nahe liegender Gedanke. Kampf gegen den Thatcherismus, Inbegriff einer Regierungspolitik, die den gesamten Staatsapparat in den Dienst der Kapitaleigner stellt und dabei das Volk in die Katastrophe führt, hieß die Parole, die Horard Brentons politische Satire ‘A Short Sharp Shock’ schon vor Jahren durch die Lande trug.

John McGrath und die erfolgreiche Gruppe 7:84 machten während des letzten Edinburgh-Festivals Schlagzeilen, weil sie mit ihrer auf Aristophanes basierenden Komödie mit dem Titel ‘Frauen an der Macht’ die unverkennbare Gestalt einer Bandenführerin mit riesigem Phallus auftreten ließen. Beide Versuche, aus der nationalen Katastrophe, den Folgen des Thatcherismus theatralisch Kapital zu schlagen, scheiterten – aus künstlerischen Gründen.

Theatre Venture ist ein rühriges kleines Theater im kulturellen Notstandsgebiet des Londoner Ostens, einem der Armeleuteviertel der Stadt, die unter der monetaristischen Schrumpfkur, welche die ‘Eiserne Lady’ ihrem Volke verordnete, am meisten zu leiden haben. In solchem Milieu bedarf es keiner Gebrauchsanweisung, um die Parabel vom Aufstieg der schrecklichen Greta Vila aus den Slums der mittelamerikanischen Stadt Rome zur Präsidentin des Spinatkartells, die schließlich den gesamten Gemüsehandel an sich bringt, auf die historischen Vorgänge zu beziehen, die der Geschichte zugrundeliegen.

Es gehört zu den Stärken des teils in Knittelversen, teils in Jamben geschriebenen Stückes von Collin Martyr, daß es als Moritat aus Gangsterkreisen ein gewisses Maß von Eigenleben hat und – trotz seiner deutlichen Parallelen zu realen Ereignissen – nicht bis in alle Einzelheiten ‘übertragbar’ ist. Die Namen der Gangster, die hier einander den Garaus machen, bis Greta alle ihre Gegner ausgeschaltet hat, sind die verfremdeten Namen bekannter britischer Politiker, doch der Versuch, sie in ihren charakteristischen Eigenheiten zu parodieren, unterbleibt. Wie im ‘Arturo Ui’ gibt es zahlreiche Verweise auf Motive aus Shakespeare-Stücken (vor allem ‘Richard III’, ‘Julius Caesar’, ‘Macbeth’ und ‘Coriolan’), die das Publikum mit großem Vergnügen zur Kenntnis nimmt.

Wer die Parabel auf die politische Wirklichkeit bezieht, vor der sie entstanden ist, muß sich die Frage stellen, wer den Aufstieg der Greta Vilas tatsächlich aufhalten könnte. Worauf es in Demokratien, so fragwürdig sie sonst sein mögen, natürlich nur die Antwort gibt, die Collin Martyrs Stück suggerieren will: nur ein Volk von Wählern, das sich nicht durch Propaganda und Demagogie über die wahren Ziele politischer Parteien täuschen läßt. Für das Vergnügen solcher Erkenntnis in einer Zeit, in der die Mehrheit des Volkes gegen sich selbst zu stimmen geneigt ist – “Arbeitslose gegen Arbeitsplätze, Arbeiter gegen ihre Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, Frauen gegen Emanzipation, Rentner gegen Rente, Jugendliche gegen Bildungschancen, Friedliebende gegen den Frieden” (wie es neulich in einer deutschen Zeitschrift hieß) – mag sich der szenische Aufwand politischer Satiren in all ihrer Problematik noch lohnen.

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