die Jahre als Londoner Kulturkorrespondent
1970 bis 2001

Jahr 1974
Autor Heathcote Williams/William Gaskill & Max Stafford-Clark
Theater
Titel The Speakers
Ensemble/Spielort Joint Stock Theatre Company/ICA Theatre/London
Inszenierung/Regie William Gaskill & Max Stafford-Clark
Brit. Erstaufführung
Sendeinfo 1974.05.02/SWF Kultur aktuell 1974.05.03/BBC German Service/Kulturkaleidoskop 1974.05.04/DLF/ORF Wien

‘Speakers’ Corner’ im Londoner Hyde Park, weltberühmter Treffpunkt der Sonderlinge und Exzentriker, religiösen Eiferer und politischen Phantasten, Weltuntergangspropheten und Verrückten, die dort allsonntäglich auf Teekisten, Stühle und Stehleitern steigen, um einem Häufchen ungläubig-neugieriger Passanten, Herumtreiber und Touristen von den letzten Dingen zu predigen. Sie sprechen über Gott und die Welt und über sich selbst, ihre erlebte oder erfundene Vergangenheit, ihre Albträume und ihre Phantasien von einer besseren Welt.

Nach dem halbdokumentarischen Roman ‘The Speakers’ von Heathcote Williams, dem Autor des mehrfach preisgekrönten Bühnenstückes ‘AC/DC’, haben William Gaskill und Max Stafford-Clark eine ungewöhnliche Inszenierung hergestellt, deren Faszination vor allem in der Faszination der historisch-authentischen Charaktere liegt, die Heathcote Williams jahrelang im Hyde Park besuchte, deren Reden er aufzeichnete, deren Privatleben er kennenlernte, mit denen er korrespondierte, wenn sie im Gefängnis ‘überwinterten’ oder sich in Krankenhäusern oder Entziehungsheimen für Alkoholiker und Drogensüchtige regenerierten.

Der Kern der neuen, von Gaskill und Stafford-Clark geleiteten Gruppe, die unter dem Namen Joint Stock Theatre Group auftritt, ist aus einem der bekanntesten Londoner Straßentheater hervorgegangen. Ihre erste Inszenierung, ‘The Speakers’, wurde zunächst in verschiedenen englischen Provinzstädten ausprobiert, gastierte im Mickery Theater Amsterdam und wird nun endlich im Theatersaal des Instituts für zeitgenössische Kunst auch einem Londoner Publikum vorgestellt.

Bühne und Sitzreihen wurden entfernt; das Publikum versammelt sich um eine Tee- und Sandwich-Bude in der Mitte des Raumes. Schauspieler mischen sich unters Volk: Hier mimt einer einen Clown, dort stößt einer eine Kiste vor sich her, andere verteilen politische Pamphlete oder bieten Fotos feil. Einige Redner beginnen zu sprechen. Das Publikum wandert umher, hört zu, mal hier, mal dort, je nach Interesse für Thema und Redner. Die da sprechen, verkaufen sich selbst, ihre Weisheit, Vernünftiges, Unsinniges, ihre Ängste, Komplexe, Aggressionen und Wahnideen: sie tragen die eigene Haut zu Markte. Genialisches und Wahnsinn dicht beieinander.

Die Aufmerksamkeit wendet sich drei herausragenden Erscheinungen zu: einem grimmig dreinblickenden, doch gutherzigen Anarchisten russisch-deutsch-jüdischen Geblüts; einem kahlköpfigen, über und über tätowierten ehemaligen Zuchthäusler, der als Ex-Komplize AL Capones vom Glanz der guten alten schlimmen Zeiten schwärmt; und William MacGuinness, rauschsüchtiger Ire, der sich Billy I, König der Zigeuner, nennt – wie die vorigen eine historische Figur – Philosoph des seelischen Abgrunds, Poet der Gosse mit der Aura fast eines Heiligen, ein Mann, der schon als er noch lebte, aus dem Jenseits zu sprechen schien.

Die Idee, den Autor Williams wie einen Reporter von einem zum anderen wandern zu lassen und, weil ein Scheinwerfer ihm folgt, die Aufmerksamkeit der Zuschauer mitzuführen, hat hier etwas unnötig Künstliches an sich: die Charaktere sind überdimensionale Persönlichkeiten, die sich selbst erklären, in ihren Reden, in den Gesprächen untereinander und in den geschickt eingeblendeten Kurzszenen aus ihrer privaten Sphäre.

Die übliche Distanz zwischen Bühne und Publikum fehlt. Die Zuschauer verhalten sich zwanglos, wie Leute am Sonntagvormittag im Hyde Park. Das am Theater schlecht Theatralische fehlt. Intensität der Darstellung, die Hingabe der Schauspieler an ihre Rollen, trägt dazu bei, daß das ganze verblüffend echt wirkt, zumal man einige der in Buch und Stück porträtierten Charaktere an jedem guten Sonntag noch im Original bestaunen kann, wie eh und je in ‘Speakers’ Corner’.

Der Text besteht zum großen Teil aus Zitaten. “Mit welchem Vorwand kommst du immer wieder hierher?“, sagt einer. Und etwas später ein anderer: “Wenn ich nicht immer wieder hierher käme, um meine Reden zu halten, wäre ich wohl ein sehr gewalttätiger Mensch. Wir üben hier, wir proben; wir proben für etwas, das später sein wird. Die meisten sterben davor. ‘Speakers’ haben ein kurzes Leben”.

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